Drücken Sie „Enter“, um den Inhalte zu überspringen

Novalis oder: Von Kristallseelen und Seelenkristallen

Ernst-Steffen Blechkolbe

Am 2. Mai 2022 jährt sich der Geburtstag von Georg Friedrich Philipp Freiherr von Hardenberg aka Novalis zum 250. Mal. Für die meisten der wenigen, die noch wissen, wer das war, verblasste längst das Klischee vom Romantiker, der nach dem frühen Tod seiner Geliebten 1797 dieser bis 1801 nachstarb. Schon 1798, im Jahr nachdem sie die Welt verließ, verlobte der Dichter sich nämlich erneut. Vielleicht lebte er nach einem Motto, das 1966 durch Roy Black populär wurde: „Ich geh‘ singend durch die Straßen. Mit dem Glück bin ich per du. Hat ein Mädchen mich verlassen, lacht mir schon die andre zu.“ Zudem war der gelernte Jurist Hardenberg im nüchternen Geschäft des Salinenwesens und Kohlebergbaus tätig, also mit Dingen beschäftigt, die so gar nichts mit dem gängigen Bild vom entrückten Dichter der „Hymnen an die Nacht“ zu tun haben. Hardenberg führte ein Doppel- respektive Zweitleben als der Dichter Novalis – oder Novalis als der Jurist und Bergbaufunktionär Hardenberg. Vielleicht stellte er seinen Geliebten schon früher jene entscheidende Frage, die Fernando Pessoa an Ophélia Queiroz richtete: „Mögen Sie mich, weil ich ich bin oder weil ich es nicht bin?“

Aber ebenso interessant wie diese Details und Konstellationen der Biografie des Novalis sind seine Vor- und Weiterleben, also das Vorgeburtliche und Nachtodliche, für die an dieser Stelle jeweils ein Zeugnis angeführt werden soll.

Was das Vorher betrifft, bemühen wir Rudolf Steiner, der bekanntlich in der Akasha-Chronik lesen konnte, einem ebenso rätselhaften wie leider immateriellen – ergo im Handel nicht erhältlichen – Buch, das alles, was sich jemals auf der Welt ereignete, minutiös verzeichnet. Steiner entnahm diesem Werk, dass Novalis in früheren Inkarnationen Pinchas ben Eleasar (פִּֽינְחָס֙ בֶּן־ אֶלְעָזָ֔ר), der Prophet Elija (אליהו), Johannes der Täufer und der Renaissance-Künstler Raffel da Urbino gewesen sei.01 Eine respektable Ahnenreihe, möchte man sagen.

Was das Nachleben (nicht zu verwechseln aber immerhin teilidentisch mit dem Nachtleben) betrifft: In dem Kapitel „Eine Botschaft aus der Vergangenheit“ seines Buches Der Weg der weißen Wolken legt Lama Anagarika Govinda nahe, dass er im Sinne der Reinkarnation das Wirken von Novalis fortsetzte. Ein respektabler Nachfolger, möchte man sagen.

Und: Welch‘ eine gewaltige Entwicklung von dem eifernd seinem Gott ergebenen Pinchas, der dem Israeliten Simri und der Midianiterin Kosbi beim Geschlechtsakt seinen Speer durch beider bebende Bäuche bohrte, weil die Frau nicht Jahwe sondern Baal verehrte (vgl. 4. Mose 25,1-18), über Novalis, der sagte „Das Leben soll kein uns gegebener, sondern ein von uns gemachter Roman sein02, bis zu Lama Govinda, der in Tibets hoher Luft alles im Überfluss fand, was er jemals wie niemals suchte.

Wie lässt sich ein Novalis mit derartiger Vor-und Nachgeschichte zum 250. Geburtstag würdigen? Ich würde sagen, indem man von ihm ausgehend über ihn hinausgehend von ihm weggeht, wie es denn auch in der Folge geschehen soll.

Novalis blickte, aller Zeit enthoben, in seine transparente Kugel, die ihm Zukunft um Zukunft offenbarte: „Die Menschen sind Kristalle für unser Gemüt. Sie sind die durchsichtige Natur.“03 So ließ der Dichter den Heinrich von Ofterdingen sprechen, den er wie eine kristallene Seele vor sich hinstellte. Aber wie, durch welchen alchemistisch-künstlerischen Prozess gelangt man in den Besitz von Seelenkristallen?

Eine Antwort wäre theoretisch bei Theodor Däubler (1876-1934) zu finden. Der Schriftsteller und Kunstkritiker spricht in seiner Schrift über Pablo Picasso (1913/14) deutlich die Stationen auf dem verschlungenen Weg04 zu diesem kostbaren Gut an. Dieser führt den Künstler „psychologisch zur Negerkunst und dann logisch weiter zum eigentlichen Kubismus und noch weiter zu seinen Seelenkristallen.“05 Es versteht sich von selbst, dass der von Däubler skizzierte Vorschlag wegen seines Gebrauchs des unstatthaften N-Worts nicht zur weiteren Erörterung kommt, obwohl seelentechnisch die Spur vom sechsflächigen Kubus (κύβος) zum anisotropischen Kristall alles andere als von ungefähr sein dürfte.

Aber lassen wir diesen kolonialistisch redenden Däubler auf der Seite, der wohl nicht zufällig 1876 geboren wurde, in jenem unseligsten Jahr, in dem Kaiser Wilhelm I. seinen sogenannten „Freundschaftsvertrag“ mit König George Tupou I. von Tonga schloss: Die Pforte zu den Weltmacht-Träumen des Deutschen Reichs! Glücklicherweise ist Däubler alles andere als alternativlos.

Konsultieren wir darum statt ihm den Jahrgang 1921/22 des Zentralblatts für Okkultismus. Hier findet sich der aufschlussreiche Artikel „Beryllistik“ von mâr-galittu, wie sich die große Johanna Paula Reimann bisweilen zu nennen pflegte. Den Ausführungen dieser Geheimwissenschaftlerin entnehmen wir über die von Justinus Kerner untersuchte Seherin von Prevost06 Friederike Hauffe: Ihre „medialen Kräfte wurden geweckt durch die sensitive Strahlung der Kristalle.“ Kein Wunder auch, wenn man das Wesen der Kristallseelen in Kalkül zieht: „Die Kristallseelen der Edelsteine sind die ersten Inkarnationen, ersten Individualisierungen der Gesetze und geistigen Kräfte der Natur. Sie sind Ausdruck intensivster Potenz, des magnetischen Extraktes des Mineralreiches.“ Genau darum haben sie ebenso fundamental wie unmittelbar mit der Sphäre des Menschseins zu schaffen, der sie eine Erweiterung ermöglichen: „Die Kristallseelen der harmonischen Edelsteine sind in ihrer sensitiv-magnetischen Wirkung als eine Verlängerung, Erweiterung des menschlichen Astralsystems zu denken.“07

Vor diesem Hintergrund verstehen wir endlich eine der hintergründigsten Liebeserklärungen der Weltliteratur, die sich in dem Roman Gräfin Faustine (1841) von Ida Hahn-Hahn (1805-1880) findet. Hier gesteht ein Mann der Titelheldin, also der Gräfin Faustine, unumwunden, „daß Deine Kristallseele mich gleichgültig gemacht hat gegen alle staubigen, buntgefärbten, flitterhaften Erscheinungen“08

Wer ahnte in Kenntnis dessen nicht, aus welchem Grund der taoistische Psychiater Alfred Döblin, „wie ein Kristall ganz tief zwischen Granitblöcken im Gestein ruhen“ wollte? Andererseits wusste Döblin: „aber auch da, liebe Seele, ist keine Ruhe, die Bergfeuchtigkeit träufelt ihre Tränen über dich.“09

Was Döblin trotz Kenntnis des Faktums dieses Tränenträufelns nicht bewusst gewesen zu sein scheint, ist der Umstand, dass ein Seelenkristall durchaus in flüssigem Aggregatzustand vorkommen kann, wenn er in Bergfeuchtigkeit oder nur in H2O aufgelöst wird. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass das Wasserfahrzeug eines Cygnus albus als ein „Priesterkönig der Liebe“ ins Spiel kommt. Rolf Schott (1891-1977), ein Kenner der antiken und manch anderer Mysterien, wies auf diese Tatsache in seinem viel zu selten zitierten Werk Kore hin: „Oh, und des weißen Schwanes lebende Hochzeitsbarke schwebte als ein höheres Wesen, ein Priesterkönig der Liebe, erhaben über allen. Er schwebte auf dem Wasser und machte dieses durch seine erlauchte Gegenwart zum flüssigen Seelenkristall.“10

Schwebt derart nach Schott der Priesterkönig auf dem Wasser, bedeutet dies, dass er, der Priesterkönig (= lebende Barke des Schwans) einen Abstand zu dessen (= des Wassers) Oberfläche hält. Dieser Abstand ist es, der Seelenkristalle und Kristallseelen in fester, flüssiger oder gasförmiger Gestalt ermöglicht.

Kein geringer als Alfred Wien (1887-1982) stellte bekanntlich diese Bedeutung des Abstandes, also der Ferne, zur Seelenkristallwerdung schon im ersten Jahr des Ersten Weltkrieges eindrücklich heraus, denn „in der Ferne klärt sich das ehedem leidenschaftliche Mitempfinden zu leidenschaftloser Betrachtung; es wird zum Seelenkristall.“11

Die vorangegangene Argumentationslinie erlaubt uns einen gebührenden Abstand zum Ausgangspunkt unserer Betrachtungen, einem 250. Dichtergeburtstag, den wir im besten Wien‘schen Sinne nun aus der Ferne leidenschaftslos betrachten. Damit ist alles geklärt und alles gesagt. Dem Verfasser bleibt noch die Pflicht, mit Gerhard Hauptmann zu bekennen: „Ich denke und schreibe dies also im wesentlichen für mich selbst, sozusagen aus der Lauge meines Wesens eine Art Seelenkristall ausscheidend.“12

Anmerkungen

01 Das findet sich in 1924 gehaltenen Vorträgen, die unter dem Titel Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge in sechs stolzen Bänden erschienen.

02 Novalis: Werke, Briefe, Dokumente. Hg. v. E. Wasmuth. Band 3, Fragmente 2. Heidelberg 1957, S. 18 (Nr. 1837).

03 So geschrieben im siebten Kapitel des Fragments Heinrich von Ofterdingen.

04 In diesem Sinn heißt es bei John Lennon und Paul McCartney:
The long and winding road
That leads to your door
Will never disappear
I’ve seen that road before
It always leads me here
Lead me to you door

05 Zitiert nach Theodor Däubler: Im Kampf um die moderne Kunst und andere Schriften. Darmstadt 1988, S. 101.

06 Justinus Kerner: Die Seherin von Prevorst. Eröffnungen über das innere Leben des Menschen, und über das Hereinragen einer Geisterwelt in die unsre. 2 Bände. Cotta, Tübingen & Stuttgart 1829.

07 Zentralblatt für Okkultismus: Monatsschrift zur Erforschung der gesamten Geheimwissenschaften 15.1921/22, S. 306-312, wörtlich zitiert wurden die Seiten 307 und 309.

08 Ida Hahn-Hahn: Gräfin Faustine. Berlin 1841, S. 104.

09 Alfred Döblin: Unser Dasein. Berlin 1933, S. 341.

10 Rolf Schott: Kore oder das Geheimnis des Kusses. Eine Erzählung aus 2 Zeitaltern. Karlsruhe 1980, S. 16.

11 Alfred Wien: Henrik Ibsen. Bielefeld 1914, S. 8.

12 Gerhard Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend. Band 1. Berlin 1937, S. 337.