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Unorthodoxe Erzählungen

Benedikt Maria Trappen

Rezension zu Meister Bo/Guido Keller: Weil es Zen macht! Glücklich leben ohne Buddhismus.
Frankfurt 2021. 116 S. – 10 € –  ISBN 978-3753499505

Wenn ein vom Zen-Geist Durchdrungener und Inspirierter, sofern er überhaupt ein Buch schreibt, zu Beginn auf logische Widersprüche hinweist, die dargelegte Lehren zwangsläufig enthalten müssen – und sei es das zunächst mündlich, dann schriftlich weitergegebene und vielfältig interpretierte Lebens- und Weltverständnis des Buddha – und auf die Poesie des Alltags verweist, in der Zen-Leben sich spontan ausdrückt und verwirklicht, wundert uns diese unorthodoxe und ketzerische Haltung überhaupt nicht – verdankt ZEN seine Herkunft und Entstehung doch gerade dieser Tatsache, dass das Unsagbare unsagbar ist und Denken und Sprache immer nur unzureichende Versuche darstellen können, das, was ist, zum Ausdruck zu bringen.

Meister Bo alias Guido Keller, der Verleger und (Mit-)Übersetzer vieler buddhistischer Textsammlungen, räumt daher zunächst mit allem „buddhistischen Ballast“ auf, wobei er, ganz Mephisto und Sophist, versuchsweise sogar die vier Grundwahrheiten des Buddhismus in ihr Gegenteil verkehrt und neben logischen Ungereimtheiten auch ethische Fragwürdigkeiten buddhistischer Überzeugungen und Verhaltensregeln aufweist und beklagt, von Karma und Wiedergeburt über Leere und Nicht-Selbst bis zu Dogmen und Meditationstechniken. Wer nicht anderen, oft zweifelhaft Qualifizierten und in finanzstarke Wirtschaftszweige Eingebundenen in blindem Glauben folgen will, muss eigene Erfahrungen machen und Einsichten gewinnen.

Von solchen alltäglichen, allzu menschlichen Begebenheiten und Erkenntnissen eines mit der Tradition bestens Vertrauten, der lange in Thailand gelebt hat, erzählt das vorliegende Buch im Ausgang von 38 weniger bekannten ZEN Sprüchen, die im Laufe der Geschichte des ZEN in Lehrer-Schüler-Begegnungen, dem Dokusan, als zufriedenstellende Antworten und Beweise des ZEN Geistes, der ZEN Erfahrung anerkannt worden sind. Dabei möchte er keineswegs zu den „Wohlfühlbuddhisten“ gezählt werden, wie es der dem Marketing geschuldete Untertitel seines Buches nahelegen könnte, weiß, dass er mit seinem „Klartext“ und „Protest“ in zahlreiche Wespennester sticht und wappnet sich daher nicht zuletzt selbst mit der Ermutigung zum täglichen Wagnis, ohne von Lob und Tadel berührt zu werden. Immer wieder geht es um Achtsamkeit und Wertschätzung, die Vielfalt möglicher Perspektiven, Vorurteile, Egozentrismus, Anthropomorphismus, wobei Begegnungen mit Menschen, Pflanzen und Tieren eine bevorzugte Rolle spielen. Wie allem, was ist, die eine Buddhanatur zu Grund liegt, spiegelt sich in den hier versammelten, unorthodoxen persönlichen Erzählungen die eine Essens buddhistischer Welterfahrung und Lebensweise wider, die zugleich Substrat, Bilanz eines dem Buddhismus gewidmeten Lebens ist. Wer seine eigene lebenslange Bemühung und Erfahrung mit der lebenslangen Bemühung und Erfahrung anderer bereichern und in Austausch bringen möchte, findet hier eine vortreffliche Gelegenheit dazu.